Jedes Bild ist auch Material - Material der Oberfläche und des Trägers. Ein wesentlicher Entwicklungsschritt der modernen Malerei war der Hinweis auf diese Materialität und deren Thematisierung. Als die Malerei unter dem Druck der Fotografie und dem Lob ihrer vorbildlosen wahrheitsgetreuen Darstellungsweise das Interesse an der Darstellung der sichtbaren Realität verlor, machte sie stattdessen die Mittel der Repräsentation selbst zum Thema. Mit Van Gogh löste sich die Farbe von ihrer Bindung an das Objekt. Mit seiner reinen, absoluten suprematistischen Farbmalerei verbannte Malewitsch das Objekt aus dem Bild. Zur gleichen Zeit verschwand das repräsentierte Objekt, indem es durch ein reales Objekt ersetzt wurde: das Ready-Made von Marcel Duchamp. 1921 schuf Rodchenko drei monochrome Malereien als "letzte Bilder". Die farblosen oder monochromen Gemälde wurden - so zeigten Künstler von Lucio Fontana bis Yves Klein - geschnitten, durchlöchert oder zerrissen, mit Feuer oder Säuren attackiert. Schließlich sah man nur noch die leeren Rahmen der Gemälde oder nur die Rückseiten der Gemälde. Sogar die Oberfläche der Leinwand wurde ersetzt: durch die Oberfläche der Haut. Nackte Körper, bedeckt mit Farbe, wurden zum Instrument des Farbauftrags oder zur Leinwand. Action Painting - Malerei als Aktionsarena - stand für körperliche Handlung auf der Leinwand und letztendlich Malerei auf dem Körper, Bodypainting, eine Aktion ohne Leinwand. Diese Selbstauflösung der Malerei, dieser "Austritt aus dem Bild" ist ohne den Bezug auf das Material nicht denkbar und erfährt im Zusammenhang mit der digitalen Bildkultur erneut an Bedeutung.

Gerald Pueringer malt. Und er tut dies mit Bits und Bytes. Die Reduktion der Materialkomponente auf digitale Codes kommt ebenfalls einer Aufhebung traditioneller Vorstellungen vom Medium gleich. Gerald Pueringers Bilder präsentieren sich als Gemälde, aber ihre Materialität ist eine hybride. Mit der Digitalkamera aufgenommene Motive werden am Computer der digitalen Bildbearbeitung unterzogen. Einem Jörg Sasse ähnlich manipuliert Pueringer oft in mühsamer Kleinarbeit seine Vorlagen derart geschickt, so dass wir uns am Ende dieses Transformationsprozesses mit perfekt inszeniertem Impressionismus konfrontiert sehen: den Pigmentprints.

Reales bzw. Konkretes verliert seine Eindeutigkeit und wird erst beim zweiten Hinsehen wieder zur Bezugsgröße für den Zugang zur Welt. Da wo zeitgenössische Kunst den Körper als authentisches Medium zelebrieren, lässt Pueringer ihn gleichmütig zurück. Das Bild vom Menschen und seiner Umwelt wird fragmentarisch, fremd und zugleich frei von zwingend notwendigen Bedeutungen und Funktionen.

Auch aus der Perspektive der Fotografie sind die Arbeiten interessant. Während die malerische Kunstfotografie des 19. mit Beginn des 20. Jahrhunderts von einer vielmehr sachlichen Sichtweise abgelöst wurde, die sich gegen jeden Vergleich mit der Malerei verwahrte und mit Bildschärfe und Kameratechnik die fotografischen Mittel in den Vordergrund stellte, scheinen die mittels Digitalkamera aufgenommenen, im Computer überarbeiteten und auf Leinwand gedruckten Arbeiten Pueringers diese gegensätzlichen Bestrebungen aufzuheben, ja sie sogar ad absurdum zu führen. Zudem grenzt Pueringer durch das spezielle Verfahren der Pigmentprints seine Arbeiten von digitalen Fotografien im Sinne rein computergenerierter Konstrukte ab und unterwandert obendrein die herkömmlichen Prozesse digitaler Bildverarbeitung, in denen das Bild gewöhnlich diverse automatische Optimierungsprozesse durchläuft (zum Beispiel schärfer und detailreicher erscheint, als es die "bloße" Wahrnehmung der Wirklichkeit erlaubt).

Als Gerhard Richter Anfang der sechziger Jahre begann, nach Vorlagen aus Prospekten, Zeitungen oder dem Fotoalbum zu malen, waren seine Bildsujets von herausfordernder Trivialität: unspektakuläre Tier-Darstellungen, Familienporträts und Einrichtungsgegenstände. Auch für Gerald Pueringer sind Fotos nicht mehr als Muster, seine Motive alltäglich, manchmal nur einen Schnappschuss wert. Wie Richter löst Pueringer seine Darstellung vom konkreten Gegenstand der Fotografie gezielt ab. Die bildnerische Organisation wird diffuser, Konturen verunklärt und Unschärfen mitunter verstärkt. Dem Abbild wird so auf Kosten seiner Deutlichkeit eine anderes Bild abgewonnen.

Als eine der ältesten Kunsttechniken steht Malerei seit jeher im Bezugssystem ihrer gesamten Geschichte und Entwicklungen. Gerald Pueringer zeigt, dass es eben diese Komplexität ist, die sie immer wieder erfolgte Todsagungen überleben lässt.

Manisha Jothady